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Oneness Center Bern

Stille zieht uns nach innen zu den tieferen Wurzeln unseres Seins.
Hier nährt uns unsere Seele, hier können wir auftanken und
hier können wir helfen, unsere Welt zu erneuern.
Llewellyn Vaughan-Lee

Künstliche Intelligenz und Spirituelles Leben

Eine einfache Betrachtung von Llewellyn Vaughan-Lee (Februar 2026)

Künstliche Intelligenz (KI) wird im Alltag immer allgegenwärtiger. Manche Menschen nutzen KI für spirituelle Führung. Es gibt sogar spirituelle KI-Guru-Avatare, die auf Verlangen personalisierte Meditationen, Beratungen und sogar Selbstinitiationen oder spirituelle Segnungen anbieten. Wir müssen uns jedoch die Frage stellen: Sind tatsächlich Überschneidungen zwischen KI und spirituellem Wachstum möglich, oder handelt es sich hierbei um eine weitere Illusion, die uns vom inneren Leben und echter Veränderung ablenkt?

Künstliche Intelligenz funktioniert, indem sie riesige Mengen an Daten und Informationen verarbeitet, die größtenteils aus dem Internet kommen. Sie gehört zur mentalen, informatorischen Ebene und basiert auf einer Ansammlung vergangener Gedanken, Ideen, Bilder, und Muster. Zu diesen kann KI uns Zugang verschaffen. Sie kann diese Gedanken zusammenführen, neu ordnen und uns scheinbar Einsichten vermitteln. Diese stammen jedoch immer aus der Vergangenheit.

Im spirituellen Leben geht es jedoch darum, über den Verstand und den ständigen Gedankenfluss hinauszugehen, entweder in einen Zustand reinen Gewahrseins, nämlich das Jetzt, oder in ein Erleben der göttlichen Liebe, die direkt durch das Herz erfahren werden kann. Es führt uns vom illusorischen Gefühl des Egos, ein getrenntes Selbst zu sein, zurück zur Einheit der wahren Natur. Der Weg kann uns sogar noch weiter bringen: in die ursprüngliche Leere, die der Schöpfung zugrunde liegt, in die Abwesenheit, die durch einen leeren Geist erfahren wird, oder in den unendlichen Ozean der Liebe, in dem sich unser individuelles Selbst und alle Gedanken auflösen.

Spirituelles Leben schenkt uns die direkte Erfahrung von Stille, Leere und Liebe statt des ständigen Geschwätzes des Verstandes und seinen Ablenkungen. Durch diese innere Erfahrung werden wir offen für Veränderung – für echte Veränderung, die von innen kommt, aus einer höheren Dimension als aus den angesammelten Informationen des Verstandes und den konditionierten Mustern des Ego. Wirkliche Veränderung kommt nur von innen, und aus spiritueller Sicht bedeutet dies vom Selbst, der Seele oder dem Atman, der ewigen Dimension unseres Seins. Meditation, das Stillen des Verstandes, das Beobachten des Atems oder das Fokussieren auf das Herz sind Wege, uns Zugang zu dieser inneren Dimension zu ermöglichen. KI hingegen gehört zur Vergangenheit, zu einer Anhäufung vergangener Gedanken und Ideen und ist somit eine Ablenkung von wahrer Veränderung und der dafür notwendigen inneren Arbeit.

Künstliche Intelligenz wird zwar oft als „schneller als das menschliche Gehirn“ beschrieben. Doch diese Aussage beruht auf einem begrenzten Verständnis unseres menschlichen Potenzials und ignoriert unsere Fähigkeit, auf die höhere Ebene des Bewusstseins, das Selbst, zuzugreifen. Der höhere Geist operiert auf der Ebene der Einheit und ist daher viel schneller als der rationale Verstand, der auf der Ebene der Dualität arbeitet. Das höhere Bewusstsein, das im Buddhismus als Bodhi oder „erwachter Geist“ bezeichnet wird, erkennt die innewohnende Einheit und Verbundenheit aller Dinge und ist nicht durch die Beschränkungen der Vergangenheit und Zukunft begrenzt. Es funktioniert im Wesentlichen außerhalb der Zeit.

Im Sufismus wird dieser erwachte Geist als das Bewusstsein des Herzens beschrieben, als der Sitz unseres Höheren Selbst. Das Herz sieht und erkennt die allen Dingen innewohnende Wahrheit und die Muster der Transformation, die zu unserer wahren Natur gehören. Durch das Bewusstsein des Herzens können wir Zugang zu unserer göttlichen Natur bekommen, und aus diesem Zentrum unseres Seins heraus leben und uns von innen leiten lassen.

Die Frage ist also, inwieweit künstliche Intelligenz in unserer heutigen Welt eine Ablenkung darstellt. Wir leben in einer Zeit tiefer Unsicherheit, kultureller und ökologischer Krisen. Was wir vielleicht am dringendsten brauchen, ist nicht mehr Technologie, sondern mehr Liebe, Fürsorge und Verantwortung – füreinander und für die Erde. Diese Eigenschaften sind zentral für das spirituelle Leben, stehen jedoch in einem Spannungsverhältnis zu Technologien, die einen enormen Energie- und Wasserverbrauch und immer größere Rechenzentren erfordern. Zudem lenkt uns die KI von der Notwendigkeit echter Veränderungen ab – Veränderungen, die unserer Zivilisation dabei helfen würden, wieder ins Gleichgewicht mit der Natur zu kommen, die unser Leben überhaupt erst ermöglicht. KI verspricht eine technologische Zukunft. Doch jeder, der durch die Risse in unserer gegenwärtigen Zivilisation geschaut hat, weiß, dass Technologie uns nicht retten kann. Vielmehr ist sie die Ursache für einen Großteil der vielschichtigen Krisen, mit denen wir konfrontiert sind.

Künstliche Intelligenz spiegelt eine Zivilisation wider, die sich immer mehr von ihrem inneren Leben entfremdet und dabei die lebenswichtigen Wurzeln verliert, die uns nähren und erhalten. Es gibt kaum Anzeichen dafür, dass KI uns zu dem zurückführt, was einfach, wesentlich und zutiefst menschlich ist. Um es einfach auszudrücken: KI hat weder Herz noch Seele. Diese Eigenschaften gehören jedoch essenziell zu unserer menschlichen Natur und verleihen dem Leben wahren Sinn und Zweck.

Um eine nachhaltige Zukunft für sieben Generationen oder mehr zu gestalten, müssen wir unsere Aufmerksamkeit wieder auf die lebendige Erde richten und uns auf das besinnen, was ich als „Tiefenökologie des Bewusstseins” bezeichnet habe. Künstliche Intelligenz kann naturgemäß lediglich vergangene Muster nachbilden. Dadurch trägt sie dazu bei, dass wir uns zu sehr mit einer Denkweise identifizieren, die global selbstzerstörerisch geworden ist. KI kann uns zwar dabei helfen, Informationen zu sammeln, aber nicht dabei, die dringend notwendigen Veränderungen umzusetzen. Tatsächlich könnte sie uns sogar dazu verführen, nicht tiefer zu blicken. Das Geld und die Aufmerksamkeit, die in ihre Entwicklung gesteckt werden, könnten viel besser für die Bewältigung der vielschichtigen sozialen und ökologischen Krisen eingesetzt werden, mit denen wir konfrontiert sind.

Spirituelles Leben ist eine Reise jenseits des Verstandes in die tieferen Dimensionen unseres Selbst, sei es als Zustand des reinen Gewahrseins oder als Eintauchen in die göttliche Liebe. Es ist eine Wendung vom Verstand zum Herzen, vom Ego zur Seele oder zum Selbst. Durch diese innere Veränderung können wir lernen, in der äußeren Welt zu dienen. Wie Thich Nhat Hanh so schön gesagt hat: „Wahre Veränderung wird nur geschehen, wenn wir uns in unseren Planeten verlieben.“ Das kann keine Maschine für uns tun. Diese Arbeit bleibt auf eine tiefe, stille Weise menschlich.
 

Übersetzung: Ursula Hofer
Lektorat: Bernd Jost & Sabine Reinhardt-Jost