Stille zieht uns nach innen zu den tieferen Wurzeln unseres Seins.
Hier nährt uns unsere Seele, hier können wir auftanken und
hier können wir helfen, unsere Welt zu erneuern.
Llewellyn Vaughan-Lee
Stille
von Llewellyn Vaughan-Lee (April 2026)
Als ich sechzehn war, erweckte mich ein Zen-Koan über Wildgänse aus meinem alltäglichen Leben im englischen Internat. Ich begann, die „Empty-Mind-Meditation“ zu praktizieren und erfuhr eine tiefe innere Leere. Drei Jahre später begegnete ich einer weißhaarigen Russin, die gerade aus Indien zurückgekehrt war, wo sie von einem Sufi-Meister geschult worden war. Er gehörte dem Naqshbandi-Orden an, auch bekannt als die „Stillen Sufis“. Sie führen ihre Praktiken in Stille aus, im Gegensatz zu anderen Orden, die einen laut gesprochenen Dhikr praktizieren und dabei manchmal auch Musik und Tanz einbeziehen. Als ich in ihrem kleinen Zimmer neben den Bahngleisen im Norden Londons saß, spürte ich eine Liebe, von der ich bis dahin nicht gewusst hatte, dass es sie gibt.
In den letzten fünfzig Jahren habe ich in der Stille und Leere gesessen, bis mir vom Sitzen die Knie wehtaten. Leere und Stille sind immer meine Begleiter gewesen, während die beiden Fäden des Sufismus und des Chan-Buddhismus (Zen) die innere und äußere Struktur meines Lebens geformt haben. Jetzt, in meinen späteren Jahren habe ich mich von den äußeren Aktivitäten verabschiedet und werde immer tiefer in die Stille hineingezogen. Ich beobachte das Auf und Ab der Gezeiten in den Feuchtgebieten vor meinem Fenster und mache meinen morgendlichen Spaziergang in der Lagune. Dort treffe ich auf Flussotter, deren Nasen gerade noch über der Wasseroberfläche zu sehen sind, bevor sie tiefer abtauchen. Ich bin in einer Welt präsent, in der die Laute von kreischenden Reihern, einander zurufenden Kojoten oder über mich hinwegfliegenden Gänsen zu hören sind. Und darunter liegt eine Landschaft der Stille.
Für Mystiker und Mystikerinnen ist Stille nicht das Gegenteil von Lärm, sondern ein innerer Seinszustand, der uns weit über den Verstand und sein endloses Geplapper hinaus in die tieferen Dimensionen des Seins führt, die sich im Herzen und in der Seele finden. Am einfachsten gelangt man zu dieser Stille durch eine Meditationspraxis, sei es die „No-Mind“-Meditation des Zen-buddhistischen Mönchs, die Herzmeditation der Sufis oder das Stillen der Gedankenaktivität, wie es in den Upanishaden beschrieben wird. Indem wir den Atem beobachten oder mit der Liebe verschmelzen, bewegen wir uns von der Welt der äußeren Aktivität und den Ablenkungen der „zehntausend Dinge“ in eine radikal andere innere Dimension. Am Anfang kann es hilfreich sein, an einem Ort äußerer Stille zu praktizieren, wo der Lärm der Welt unsere Praxis nicht stört. Doch dann werden wir tiefer in eine innere Stille und Leere hineingezogen.
Dieser innere Raum der Stille ermöglicht uns, mit unserer inneren Wahrnehmung zu lauschen, mit einem auf die Liebe eingestimmten Herzen oder, wie es die Buddhisten ausdrücken, mit einem Bewusstsein, das frei von Formen ist. Für die Sufis, die Liebenden Gottes, ermöglicht dieses Lauschen des Herzens, die tiefere Geschichte des Lebens zu vernehmen und nicht die Geschichte des Ego mit seinen Wünschen oder Anhaftungen, seinen Erfolgen oder Niederlagen. Vielmehr hören wir die Liebesgeschichte, die sich durch die Schöpfung zieht, das sich entfaltende Geheimnis in uns und um uns herum. Rumi beschreibt dieses aufnahmefähige Bewusstsein:
"Mach alles in dir zum Ohr, jedes Atom deines Wesens, und du wirst in jedem Moment hören, was die Quelle dir zuflüstert, nur zu dir und für dich, ohne dass du meine Worte brauchst oder die von jemand anderem. Du bist – wir alle sind – der Geliebte des GELIEBTEN, und in jedem Moment, in jedem Ereignis deines Lebens, flüstert der GELIEBTE dir genau das zu, was du zu hören und zu wissen brauchst. Wer kann je dieses Geheimnis erklären? Es ist einfach. Lausche und du wirst es in jedem Moment entdecken. Lausche, und dein ganzes Leben wird zu einer Unterhaltung in Gedanken und Taten zwischen dir und IHM werden, direkt, wortlos, jetzt und immer."
Ohne eine Art von innerer Stille können wir diese sich ständig entfaltende tiefere Wahrheit des Lebens, diese Selbstoffenbarung Gottes nicht hören. Dies kann auch als Lauschen auf die stille, leise Stimme Gottes verstanden werden, eine Stimme, die auf einer höheren Frequenz schwingt als der Verstand. Sie gehört eher zur Dimension des Selbst als zu den Sinnen und dem Ego. Wenn wir ein geführtes Leben führen wollen, ist dies die Stimme, die uns leitet. Je klarer unser Geist ist, je tiefer die Stille, umso besser können wir uns von innen heraus leiten lassen.
Für den Zen-Mönch bedeutet diese innere Stille nicht, dass er sich von der Außenwelt abwendet, sondern sie ermöglicht ihm, sie klarer zu erleben und so die Erfahrung des Satori zu erlangen. In diesem Zustand erfährt man seine wahre Natur und die wahre Natur der umgebenden Welt. Es ist eine Offenbarung von Augenblick zu Augenblick, in der alles mit der Unmittelbarkeit des ersten Mals wahrgenommen wird: die Erdbeere mit ihrer unvergleichlichen Süße, das Spinnennetz in seiner wunderschönen Zartheit. In diesem Zustand ist alles in sich selbst vollständig und das Dharma ist vollkommen lebendig. Dies wird in einer Zen-Geschichte eindrücklich beschrieben:
Ein Mönch fragte den Zen-Meister Fuketsu: “Ohne zu sprechen, ohne zu schweigen, wie kann man da die Wahrheit ausdrücken?” Fuketsu erwiderte: “ Ich erinnere mich immer an den Frühling in Süd-China. Die Vögel singen inmitten unzähliger Arten von duftenden Blumen.”
Ob wir nun der inneren Stimme unseres Geliebten lauschen oder die Buddha-Natur eines im Wind wirbelnden Blattes erkennen – wir haben uns eine Lebensqualität entwickelt, die im Lärm und Trubel der heutigen Welt meist verborgen bleibt. Sie ist jedoch stets gegenwärtig, existiert jenseits der Zeit und ist der geheime Garten der Seele, das Innerste unseres eigenen Herzens und unseres erwachten Bewusstseins, und sie ist in der Welt um uns herum vollkommen präsent, wenn wir nur zu sehen und zu hören fähig sind.
In den letzten Jahren habe ich viele Stunden allein in der Natur verbracht, besonders am frühen Morgen, wenn die Stille fast greifbar ist. Wenn ich aufmerksam hinhöre, nehme ich den tieferen Rhythmus des Lebens wahr, den ich „das Lied des Herzens der Welt“ nenne. Diese Welt ist nicht so, wie wir denken. Sie ist aus einer Substanz geschaffen, die nicht aus Atomen oder Teilchen besteht, und in ihren Tiefen verbirgt sich ein Lied. In manchen Momenten meines Lebens habe ich diese Substanz berührt und eine Zeile dieses Liedes erhascht. Es erinnert mich an den ersten Tag, als die Schönheit und das Wunder der Schöpfung geboren wurden.
Doch Mystiker und Mystikerinnen werden noch tiefer hineingezogen, in eine Stille und Leere, die vor und nach der Schöpfung existiert. Im Chan-Buddhismus ist der leere Geist die Abwesenheit selbst – das Bewusstsein, welches das schöpferische Gewebe des Kosmos oder des Tao bildet. Aus dieser ursprünglichen Stille und Leere entspringt alles Leben und kehrt dorthin zurück, während sie selbst klar und leer bleibt.
Für die Sufi-Mystiker ist dies der Moment, in dem die „Reise zu Gott“ zur „Reise in Gott“ wird, in der wir immer tiefer in die Liebe und Leere hineingezogen werden – in die wahre Heimat der Mystiker, in der wir uns auflösen und mit ihr verschmelzen „wie Zucker im Wasser“. In der christlichen Mystik wird dies auch als „die dunkle Stille, in der sich alle Liebenden verlieren“ beschrieben (nach dem seliggesprochenen Johannes Ruysbroeck).
Diese Stille ist tiefer als jeder Klang, und wir nehmen sie nur als Stille wahr, weil sie weder mit den Sinnen noch mit dem inneren Ohr vernommen werden kann. Sie ist ungeboren und unsterblich, das Gewebe hinter und in der Schöpfung, das die Sufis den Geliebten nennen. Sie ist die undifferenzierte Essenz, und doch finden sich ihr Licht und ihre Liebe in jeder Zelle der Schöpfung und direkt im Herzen. Sie ist die Wurzel aller mystischen Erfahrung, wie es vor vielen Jahrhunderten in den Upanishaden zum Ausdruck gebracht wurde:
„Es gibt etwas jenseits unseres Verstandes,
das in der Stille unseres Geistes wohnt.
Es ist das höchste Geheimnis, das jenseits allen Denkens liegt.
Darauf richte deinen Verstand und auch deinen subtilen Geist –
auf nichts anderes.
… Wenn der Geist still ist,
frei von Ablenkung,
dann kann er in eine Welt eintreten,
die weit jenseits des Verstandes liegt.“
(Maitreya Upanishad)
Für Mystiker sind die sich vertiefenden Zustände der Meditation ein Eintauchen in dieses Geheimnis, in diesen ortlosen Ort, in diesen zustandslosen Zustand. Es gibt keine Worte, um dies zu beschreiben, außer der Erkenntnis, weit über sich selbst hinausgeführt worden zu sein: jenseits des zerbrechlichen Ichs, in grenzenlose Dimensionen der Liebe und des Lichts, wo der Verstand nicht hinreichen kann, aber wovon ein Faden im Bewusstsein zurückbleibt. Dieser Faden bleibt als Verbindung zu dieser beständigen und lebensspendenden Leere bestehen. Und daraus erwächst eine Lebensweise, die zugleich einfach und tiefgründig ist. Ich habe darin eine Art des Seins gefunden, die es dem Leben ermöglicht, sich um mich herum zu entfalten, während ich zugleich präsent und abwesend bin – ähnlich der taoistischen Praxis des Wu-Wei, des „handlungslosen Handelns“. Dies kommt in Bashōs Gedicht am besten zum Ausdruck: „Still sitzen, nichts tun, der Frühling kommt, und das Gras wächst von allein.“
Übersetzung: Ursula Hofer
Lektorat: Bernd Jost & Sabine Reinhardt-Jost