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Oneness Center Bern

Stille zieht uns nach innen zu den tieferen Wurzeln unseres Seins.
Hier nährt uns unsere Seele, hier können wir auftanken und
hier können wir helfen, unsere Welt zu erneuern.
Llewellyn Vaughan-Lee

Unermessliche Leere

von Llewellyn Vaughan-Lee (September 2025)

Ursprünglich erschienen im Advaita Journal

Vor einem halben Jahrhundert wurde ich durch einen Zen-Koan erweckt: “Die Wildgänse haben nicht die Absicht sich im Wasser zu spiegeln, und das Wasser ist sich ihres Spiegelbildes nicht bewusst“. Ich praktizierte die “Empty-Mind-Meditation“ und fand mich innerlich in einer dynamischen Leere wieder, die sich radikal von der Welt meines Internats unterschied. Fünfzig Jahre später ist diese Leere wieder da. Aber jetzt erlebe ich sie nicht mehr nur innerlich in der Meditation, sondern sie durchdringt auch mein Wachbewusstsein. Ich lebe in einer großen Leere und bin von ihr umgeben. In diesem Raum gibt es kein Erwachen mehr, denn es ist niemand da, der erwachen könnte.

Das spirituelle Leben ist ein Enthüllen dessen, was immer schon da war. Im Buddhismus wird dies die eigene ursprüngliche Natur genannt. Im Sufismus ist es ein Zustand der Vereinigung mit dem Göttlichen, mit der Liebe, die die Quelle allen Seins ist. In diesem ursprünglichen Zustand ist reines Gewahrsein (der ursprüngliche Geist) oder reine Liebe, wenn Liebender und Geliebter eins sind. Als ich neunzehn Jahre alt war, traf ich meine Lehrerin, eine weißhaarige Russin, die gerade aus Indien zurückgekehrt war, wo sie von einem Sufi-Meister geschult worden war. Als ich ihr in die Augen sah, wusste ich, dass sie wusste - dass die Wahrheit gegenwärtig war. Viele Jahre lang strebte ich nach der Wahrheit, nach dem Licht in den Augen meiner Lehrerin. Doch als die Wahrheit kam, war der Raum leer. Niemand war da. Es gab kein Erkennen, kein Erwachen. Es ist, wie es war.

Seit mehr als fünfzig Jahren sitze ich in Stille. Jetzt tun mir vom Sitzen meine Knie weh. Manchmal ist Liebe präsent, manchmal Glückseligkeit, meistens Leere. Alles kommt und geht, die Jahreszeiten wechseln - der Frühling kommt und die Knospen öffnen sich, später der Herbst und die Blätter fallen. Ich beobachte das Auf und Ab der Gezeiten in der Bucht vor meinem Fenster. In der Weite jenseits des Verstandes und seiner Gedanken ist alles gegenwärtig und abwesend zugleich. Es gibt keine Reise, keine Erkenntnis, nur ein immer tieferes Eintauchen in das Unbenennbare.

Früher habe ich von einer spirituellen Reise gesprochen, von Zuständen und Etappen auf dem Pfad. Aber hier gibt es keine Reise, selbst das Dharma ist in der unermesslichen Leere verloren gegangen. Ist dies mein ursprüngliches Selbst? Ist dies dieselbe Leere, die ich erlebte, als ich zum ersten Mal in Stille saß, mich nach innen wandte und den Geist leerte? Ist dies, was immer war, mein ungeborenes und unsterbliches Selbst?

Ein Vogel lässt sich auf einem Ast vor meinem Fenster nieder. Ich höre den Lärm des vorbeifahrenden Verkehrs am Fuße des Hügels. Ist die wahre Natur des Daseins die große Leere und nicht diese zehntausend Dinge, die Augenblick für Augenblick erscheinen?1    

Zwischen meiner ersten Erfahrung der Zen-Leere als Schuljunge und der unermesslichen Leere, die mich jetzt umgibt, habe ich viele Lebenserfahrungen gemacht. Ich habe mich verliebt, eine Familie gegründet, gelacht und geweint. Dreißig Jahre lang war ich Sufi-Lehrer und führte Suchende auf dem alten Pfad der Mystiker tief in die Kammern des Herzens, in die Liebe und das Einssein. Wir saßen zusammen, und ich hörte den Lebensgeschichten der Menschen zu, ihren Träumen, Problemen und Sehnsüchten. Ich wachte über ihre Herzen und Seelen und richtete sie auf die tiefere Liebe aus, die aus der jenseitigen Quelle kommt.

Und dann kam die Zeit, dieses Kapitel meines Lebens abzuschließen und mich in die Abgeschiedenheit zurückzuziehen. Ich wanderte auf den Pfaden und an den Stränden in der Nähe meines Hauses, genährt von der Einfachheit und Schönheit der Welt um mich herum, machte Spaziergänge am frühen Morgen, das Gras vom Winterfrost silbrig gefärbt und die Morgendämmerung eine goldrote Linie am Horizont. Gedanken sind hier überflüssig, denn diese Landschaft ist in sich vollkommen. Die Reiher leuchten weiß in den Feuchtgebieten, die Fischotter schwimmen in der Lagune, ihre Nasen über Wasseroberfläche. Hier gibt es eine Rückkehr zu dem, was einfach und natürlich ist, so ganz anders als unsere zerbrochene, toxische Welt.

Doch dann hat wieder die Leere gerufen, und sie kommuniziert in einer Sprache, für die es keine Worte gibt. Hier gibt es weder Zeit noch Zeitlosigkeit, nicht einmal den gegenwärtigen Moment. Es gibt kein Erwachen von Augenblick zu Augenblick. Es ist zu leer, zu ursprünglich, zu weit. Ist dies ein Ursprung oder ein Ziel? Ich meine nicht einfach eine Leere, in der nichts existiert, denn sie ist überall zu finden, nicht nur in der Meditation. Es ist ein ortloser Ort, ein zustandsloser Zustand, der weder Leben noch Tod ist. Nicht nur der Geist ist leer, sondern die ganze unermessliche, horizontlose Landschaft.

Kurz bevor er starb, waren die letzten Worte meines indischen Gurus an meine Lehrerin: “Es gibt nichts als das Nichts“. Nach einer lebenslangen Reise finde ich mich nun an diesem Ort. Hier gibt es weder ein Selbst noch eine Reise, und die Leere ist zu unermesslich für jede Vorstellung eines spirituellen Pfades oder des Dramas des Erwachens. Als ich sechzehn war, erlebte ich diese ersten Monate des Erwachens in die Leere so intensiv und wundervoll. Ich war auf eine Weise lebendig, die ich nie erwartet oder für möglich gehalten hatte. Wenn ich aus der Meditation kam, lag ein Licht in der Luft, das ich nie zuvor gesehen hatte, die Farben sangen. Ich war erfüllt von Lachen und Freude. Es war wie Verliebtsein, nur viel vollständiger. Aber das hier fühlt sich anders an, umfassender und in vielerlei Hinsicht unpersönlicher.

Wir alle haben unser eigenes Schicksal, das im Buch des Lebens geschrieben steht. Es führt uns in die vielen Facetten des Daseins – seine Gefühle, seine Wildheit und Schönheit, seine Liebe und seinen Herzschmerz. Und wenn das spirituelle Leben Teil dieses Schicksals ist, dann kommt die Zeit, in der wir diesen Faden wieder aufnehmen und uns auf einen Pfad begeben. Das spirituelle Leben entwickelt sich meist über mehrere Leben hinweg. Als ich mit sechzehn Jahren zum ersten Mal spirituell erwachte, fühlte ich mich in ein Kloster zurückversetzt, wo ich Zen-Meditation praktizierte. Und ab meinem siebten Lebensjahr war ich in einem Internat, das einem Zen-Kloster nur allzu ähnlich war und von Glockengeläut regiert wurde. Im letzten Leben war ich Zen-Mönch, in diesem Leben Sufi-Lehrer. Beide Male war die stille Meditation die zentrale Praxis, in der das Geschwätz des Verstandes zur Ruhe kommt und sich die tieferen Dimensionen unseres Seins enthüllen - die stille Leere.

Unser erster flüchtiger Eindruck, unsere erste tiefe Erfahrung ist oft ein Vorgeschmack auf die Reise, “das Ende ist schon am Anfang gegenwärtig“. Jetzt, in den letzten Jahren dieses Lebens, ist die Leere mein Begleiter, auch wenn ihre Stille so viel von meiner Existenz mit sich nimmt und nur ein tiefes Nichtwissen zurücklässt, das so oft die Realität des Mystikers ist.

Ich kann immer noch die zerbrechliche und numinose Schönheit der äußeren Welt wahrnehmen oder auch ihren Schmerz fühlen. Der Sufi-Pfad der Liebe hat mein Herz auf ganz unerwartete Weise geöffnet. Aber jetzt sind sogar die meisten meiner Lebenserfahrungen verblasst, haben sich in der Stille verloren. Dies ist keine Stille, die im Gegensatz zum Klang steht, so wie die Leere nicht im Gegensatz zur Form steht. Es ist eine Landschaft, die durchdrungen ist von dem, was Anders ist, was keinen Namen hat und nur angedeutet, jedoch nicht beschrieben werden kann. Aber diese Landschaft reicht über viele Leben hinweg - alte Erinnerungen an das Sitzen in Klosterhallen, den Regen auf dem Dach, den leer gefegten Innenhof. Glocken, die über die Hügel klingen, manchmal ein Einsiedler in einer Hütte neben dem Bach, der immer noch sitzt und nur die Stille kennt. So war es Leben um Leben. Wurde etwas gefunden oder enthüllt? Geburt, Tod und die zehntausend Dinge verlieren sich in der unermesslichen Leere.

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1Im buddhistischen Herz-Sutra heißt es: “Form ist Leere und Leere ist Form“. Die große Leere, auf die ich mich hier beziehe, ähnelt jedoch eher der buddhistischen “Abwesenheit“ des Ch'an, die als “unsere ursprüngliche Natur ... die erzeugende Leere im Herzen des Kosmos“ beschrieben wird, aus der “der sich ständig verändernde Wirklichkeitsbereich der Gegenwart [die zehntausend Dinge] unaufhörlich hervorgeht“. (David Hinton, China Root, S. 55 & The Way of Ch’an, S. 323).

 

Übersetzung: Ursula Hofer
Lektorat: Bernd Jost & Sabine Reinhardt-Jost